Verwoben und verwachsen

Gartengeschichte,  Kapitel 002

Ein Gartenblog soll das hier sein und werden… doch letzte Nacht wurde mir sehr deutlich, dass all das Werden und Wachsen des Gartens untrennbar mit unseren Lebensgeschichten und der Umgebung verwoben ist. Unser Garten und sein Umfeld tauschen sich aus, und ebenso beginnen sich in mir Geschichten meines Lebens mit diesem Blog auszutauschen. Sie ranken sich um das Stück Erde, auf welchem ich gerade sitze und haben manche Wurzel hineingetrieben. Allein beim Nachspüren, was alles geschehen musste, damit ich hier nun tatsächlich sitzen kann, macht mich staunen und erweckt in mir wieder einmal eine Mischung von Ehrfurcht, Dankbarkeit und Achtung vor dem Leben. – Und ich spüre deutlich, wie sehr ich es liebe!

– Ach ja, damit ich hier nun sitzen kann, musste unter anderem die Mauer fallen, die damals Ost und West trennte.

Das Graben in den zahlreichen mit Fotos vollgestopften Tüten und Kästen fördert Geschichten zutage, die lange in der Erinnerung schlummerten. Auch beim Graben im Garten zeigen sich immer wieder Spuren von Geschichten, doch dort erfahre ich höchstens ihre Überschrift. – So, wie ich an einer Stelle über 350 Schnapsflaschen und etwa 230 Gläser von Babynahrung fand. Gemischt, und sehr sorgfältig gestapelt.

Ich stelle beim Wühlen in den Bilderpacken fest, dass der Übergang vom Analogen zum Digitalen für mich nicht nur Vorteile hat. Ja, meine digitalen Bilder sind deutlich besser geordnet und geraten beim Durchsehen nicht durcheinander. Sie rutschen nicht auf Hochglanzflächen ab und kleben nicht an Fingern, die gerade unbewusst Berührungstränen abwischten. Sie sind nicht angeknickt, skalierbar, leicht zu retuschieren und zu manipulieren. Sie tragen auch keine Abschürfungen und nicht die Fingerabdrücke ihrer Betrachter als Insignien ihrer Beliebtheit. Ihre farbliche Darstellung ist keiner Vergilbung unterworfen. – Sie sind ewig jung… doch nicht leibhaftig und nur mit Hilfsmitteln zugänglich, die eine komplexe Abhängigkeit erzeugen und benötigen. – Ich habe gerade das Gefühl, dass sich hier eine Spiegelung dessen zeigt, was unsere Gesellschaft auf einer breiten Basis lebt.

Der Vorteil der digitalen Bilder ist allerdings unbestritten: Ich kann sie mit Dir teilen.

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Leibhaftig in Bildern zu wühlen, bringt mich jedoch viel inniger mit den Geschichten in Kontakt, die sie momentartig festgehalten haben. Es fühlt sich wesentlich lebendiger an, als das Klicken mit der Maus in den Verzeichnissen. Je länger ich wühle, desto schneller kommen Erinnerungen und Namen…

1996

Das Jahr war weit fortgeschritten bis die Baugenehmigung erteilt war. Endlich konnte es losgehen!

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Das Haus wurde eingemessen und am 1. Dezember rückte der Bagger an. Als er an der Stelle des zukünftigen Kellers ansetzte und ein Stück der Betonwanne wegbewegte, vergaß ich das Fotografieren, denn es kamen zahlreiche dicke, runde Feldsteine zutage! Steine gehören eindeutig zu meinen beliebtesten Sammelobjekten, und so turnte ich wie im Rausch ständig im Bereich der Baggerschaufel herum und schleppte weg, was immer ich zu fassen bekam. Die Steine fanden später an verschiedenen Stellen ihren Platz, z.B. hier an der Terrasse, doch das lag noch in ferner Zukunft.

Die Streifenfundamente für die Bodenplatte wurden vermessen und festgelegt.

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Auf dem einen Nachbargrundstück träumte ein blauer, räderloser Traktor von vergangenen Zeiten und seiner Arbeit auf dem „Nudelberg“. So heißt im Volksmund die Landschaft auf der anderen Seite unseres Zufahrtsweges. Der Begriff „Nudeln“ wird in dieser Gegend traditionell sowohl für die bekannten Teigwaren, als auch für Kartoffeln verwendet. Diese wurden auf den Hügelfeldern hier rundum angebaut, an die Schweine verfüttert oder in der alten Brennerei zu Schnaps destilliert. Die Benennung von Lebensmitteln schien hier überhaupt eigenen Regeln zu folgen. So lernten wir unter anderem, dass Salami unter der Bezeichnung „Bratwurst“ zu suchen war.

Ein zweiter, noch älterer Traktor, ließ sich von seinem Besitzer immer nur schwer und unwillig aus seinem Schlaf wecken. Wenn er dann nach einer Stunde Arbeit – unter Einsatz aller möglichen Hilfsmittel – zum Erwachen gezwungen wurde, versenkte er zornig seine Umgebung in dicken Wolken grauen Dieselrauchs, der schwer und zäh wie Londoner Nebel über die Grundstücke kroch. Seit ein paar Jahren hat er allerdings eine Dauerruhe gefunden und kann ungestört den Wandel der Jahreszeiten verfolgen.

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Die Bodenplatte wurde fertig und sah zum ersten und letzten Mal ein Feuerwerk zum Jahreswechsel.

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