Zeiten mit Blüten und Dornen

Gartengeschichten, Kapitel 007

Die ersten Blüten der Pflaumenbäume waren aufgebrochen. Die Sonne gewann täglich spürbar an Kraft, und Tatendrang regte sich im Innern. Nun denn, sollte er seinen Weg finden, im noch jungen Jahr

2002.

Dem Tatendrang nachzugeben war einfach, denn Ideen und Lust zum Umsetzen gab und gibt es bei mir stets in Menge. Doch für lange Zeit sollte das nichts mit dem Garten zu tun haben.

Ich lade Euch, liebe Leserinnen und Leser nun eine Weile (ich hoffe, es ist für Euch kurzweilig) zu einer Rundreise durch mein und unser Leben ein, sowie zu kleinen Spaziergängen in die nähere Umgebung um unseren Garten herum.

Also…

Es gibt diesen alten Witz: Wie bringst du Gott am einfachsten zum Lachen? – Erzähl ihm von Deinen Plänen. 🙂

Er muss damals aus dem Lachen gar nicht mehr herausgekommen sein, als er von meinen Plänen erfuhr! 🙂

Meine Kollegin hatte ihre Meisterprüfung bestanden. Ich zog mich aus der GbR zurück und übergab ihr den Betrieb, so wie es abgemacht war.

Ich hatte die Vorstellung, dass ich bald von wundervollen Wellness-Massagen, meinen handwerklichen Fähigkeiten und meinem Kunstschaffen würde leben können.

DCF 1.0

Drei Standbeine. Die stehen auch auf unebenem Grund stabil! So machte ich mich frohgemut und ziemlich naiv auf die Socken, um die Galerien in Berlin zu besuchen, das Potential auszuloten und eventuell Kontakte zu knüpfen…

Es war wirklich interessant, so geballt und unwillkürlich in die Welt der Kunst zu blicken. Doch nach einem intensiven Tag, der mir sehr pflastermüde Beine bescherte, hatte ich begriffen, dass der Kunstmarkt in der Form völlig geregelt und abgeschottet ist. Ohne einen Mäzen läuft da gar nichts.0058_02_KunstZudem hörte ich in Variationen immer wieder den Satz: „Also, wenn sie nuuur Seidenmalerei, oder nuuur Kupferskulpturen, oder nuuur Schmuck, oder nuuur Lichtobjekte, oder nuuur Spiegel… machen würden, dann köööntenn wir vieeeeleicht…“.

Nein. Ich mag die bunte Vielfalt, mag Bereiche und Materialien erkunden, die ich noch gar nicht kenne, Dinge verbinden, die möglichst so noch gar nicht verbunden waren. Und wie war das doch noch mit den gefeierten Multitalenten, wie Leonado da Vinci, Johann Wolfgang von Goethe und anderen?  Ja, wenn sie  nuuur Ölmalerei machten, oder nuuur Marmorstatuen, oder  nuuur Theaterstücke schrieben, oder  nuuur Naturforschungen betrieben…

Brauchen wir wirklich nur Spezialisten? – Wie dem auch sei, das war also nichts.

0058_03_Kunst

 

Und die Massagen?

Die Massagen fand ich mit jeder einzelnen die ich gab, immer noch schöner. Zudem entdeckte ich bei mir weitere Fähigkeiten im heilenden Umgang mit Menschen. Vielleicht sollte ich doch zum Heilpraktiker geboren sein? Ich meldete mich in einer Heilpraktikerschule in Berlin an und wurde eifriger Schüler.

Weiterhin begab ich mich auf den Weg, meine Massagen in Hotels anzubieten. Doch obwohl ich viel Entgegenkommen seitens der Inhaber erfuhr, erwies sich auch das als ein dorniger Weg. Massagen werden offensichtlich eher als (Reparatur-)Werkzeug gesehen, denn als eine Möglichkeit, im Körper anzukommen und die Verbindung zwischen Welt und Seele herzustellen und zu spüren.

„Können wir um Drei, wenn wir vom Paddeln kommen, mal eben 15 Minuten Massage haben?“
„Eine sinnvolle Rückenmassage braucht etwa 35 Minuten. Und damit allein ist der Körper nicht im Gleichgewicht.“
„Aber dann haben wir ja schon wieder Kaffeetrinken!“
Solche Dialoge gab es nicht immer, aber immer wieder. Wellness-Wochenenden wurden genau so organisiert abgespult wie der Alltag. Es zeigte sich seitens der Kundschaft wenig ernsthaftes Interesse daran, mal etwas anderes zu erleben, und die weiten Wege zwischen den Hotels fraßen zudem Zeit und Geld.

Das war also auch nichts.

Dass Massagen das Leben auf mancher Ebene heilen können, erfuhr ich an mir selbst auch bei den Ausbildungen in der Tao-Massage nach Mantak Chia. Erstmalig hatte ich das Gefühl, als Mensch wirklich „ganz“ und „richtig“ zu sein.

Das war was!

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Vom Oderbruch zum Maudacher Bruch

2003 brach an, und unser Konto zeigte uns die gelbe Karte. Ich musste die Reißleine ziehen. Schnell stellte sich heraus, dass ich im Tagespendelbereich keine Chance hatte. So erweiterte ich den Radius und landete in einem Praxislabor in Ludwigshafen am Rhein. Ein Arbeitsvertrag, befristet auf ein Jahr. Ich mietete mich in einer Pension ein und begann, aus der verwahrlosten Rumpelkammer, die sich Praxislabor nannte, ein funktionierendes Labor zu entwickeln. Der Chef ließ mir freie Hand und staunte, was da entstand. Er gab mir dann viel Unterstützung und Anerkennung. Das ist in meinem Beruf nach meiner Erfahrung eher etwas Seltenes.

Eine spannende Erfahrung: In einer Gegend zu sein, wo mich niemand kannte und ich niemanden kannte. Hier trug ich keine längst vergangenen Geschichten mit mir herum, aufgrund derer sich meine Umwelt ihre beständigen Bilder und Vorurteile von mir bastelte. Ich kam mir vor, wie ein unbeschriebenes Blatt. Alles war neu. „Man nimmt sich immer selbst mit“, heißt es. Hier konnte ich nun erfahren, was „wirklich meins“ war, was ich mitbrachte. Um es vorweg zu nehmen: Es war sehr schön!

Den ersten Monat überlebte ich bezüglich der Finanzen so gerade noch. Ich fand tatsächlich auch eine winzige 1-Zimmer-Wohnung im Vorort Maudach, deren Vermieter kulanter Weise die Kaution erst einmal zurückstellte. Mit einem Minimum an (Koch-)Geschirr, einer einfachen Matratze aus dem nächsten Discount und meinem Kleiderkoffer zog ich ein. Ich kam mir vor, wie zurückversetzt in meine Junggesellen-Zeit.

Dieser Blick auf Maudach ist der vom „Monte Scherbelino“ aus, einem begrünten, mehr als 30 Meter hohen Schuttberg, der eine gute Rundumsicht über die Rheinebene bietet.

0059_Maudach

Die Wohnung lag nah am Maudacher Bruch.
Das Bild zeigt einen kleinen Ausschnitt aus der U-förmigen Schleife des Bruchs.

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0060_2_Maudacher Bruch

Es ist ein winziges Bruch im Vergleich zum Oderbruch, dicht an dicht bewachsen und sumpfig. Es entstand aus einem alten Arm des Rheins. Aufgeschüttete Wege führen durch die Naturschutz-Landschaft und werden von vielen Joggern und Radfahrern benutzt.

In den ersten Wochen war es recht still um mich her, denn ich kannte ja kaum einen Menschen. Ich fuhr an zwei Wochenenden nach Altgaul und beförderte ein paar Einrichtungsgegenstände nach Maudach, die ich mir zum Teil maßgeschneidert baute.

Sobald sich mein neues Konto mit dem Lohn meiner Arbeit füllte, meldete ich mich zu einer Ausbildung zum Bowen-Therapeuten an. Noch immer war ich der Ansicht, eines Tages als Heilpraktiker mein Glück zu finden. Die Ausbildung fand unweit von Ludwigshafen statt. Wieder eine neue und schöne Erfahrung. Ein sehr gutes Lehrerpaar und tolle Schüler*innen.0061_1_LU Für die Prüfung hatten wir eine bestimmte Anzahl von Behandlungen in unserem Umfeld durchzuführen und den Verlauf zu dokumentieren. Ich gab eine Anzeige auf, in der ich Probanden suchte. Es meldeten sich deutlich mehr Menschen, als ich brauchte. Schon nach kurzer Zeit hatte ich in meinem winzigen Zimmer ein reges Besucherspektrum und mit den Menschen begannen persönliche Verbindungen zu wachsen. Wenn der Bowen-Therapie Genüge getan war, machte ich den Vorschlag, auch mal eine Massage zu versuchen.

Es war wie Zauberei. Die Berührungen und die sehr privaten Gespräche eröffneten mir die Herzen der Menschen und ihr Leben, wie ich es noch nie zuvor erfahren hatte. Immer wieder waren wir erstaunt, dass es schon spät in der Nacht und die Zeit einfach verflogen war. Sie  schenkten mir selbstgemachte Delikatessen und 0061_2_LUbald wurde ich sogar an Wochenden eingeladen. Ich bekam die Umgebung und andere Städte gezeigt, es gab Wanderungen in den Pfälzer Bergen, Einladungen zum Geburtstag und zum Essen und ich lernte Boule (Pétanque) spielen. Bei den Spielen mit der Frau, die mir dieses nahebrachte, gab es regelrechte „Krimis“, bei denen sich die Spiellage immer wieder völlig überraschend und rapide wandelte. Es war, als hätte auch ich dieses Spiel schon seit Jahren geübt.

Als wäre das nicht genug, buchte ich auch noch für ein Jahr die Teilnahme in der Selbsterfahrungsgruppe „Liebe und Wahrheit“ in Berlin. Sehr tiefgehende Erfahrungen veränderten dabei manches in mir. Ich fühle mich dadurch noch tiefer mit dem Leben verbunden. Es ist ein großes Geschenk, so direkt, offen und ehrlich mit Menschen in Kontakt kommen zu können. Meinem damaligen Chef bin ich sehr dankbar, dass er mir die Freiheit gab, das alles mit meiner Arbeitszeit in Einklang zu bringen.

So war ich in dem Ludwigshafen-Jahr sehr selten in Altgaul. Dabei wurde mir klar, dass ich kein Mensch für die Stadt bin. Hier, am Rande des Oderbruches, bin ich gefühlt wirklich zu Hause.

Der Frühling des Jahres 2004 hielt langsam Einzug. Mein Chef war traurig, denn er hätte den Arbeitsvertrag gerne auf „unbegrenzt“ geändert. Mir fiel ein Abschied von Ludwigshafen aufgrund der lieben menschlichen Verbindungen schwer. Solche zu finden, scheint in der Stadt einfacher zu sein als hier auf dem Land. Doch eben dieses Land fehlte mir. Gegenüber der ausgeräumten Nüchternheit der Rheinebene, hat die Ebene des Oderbruches für mich stets etwas Zauberisches, wohin der Blick sich auch wendet. Es spricht mein Herz an. Immer wenn ich hier ankam, konnte ich tief aufatmen.

0063_1_Oderbruch

0063_3_Oderbruch

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Der Höhenzug des Barnim steht dem in nichts nach. Seine Höhenfläche ist stellenweise fast genau so tischeben, wie das Oderbruch. Die Hänge sind hügelig – was wir im nächsten Kapitel in Altgaul noch sehen werden – bis steil.

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